Die Geschichte von Sarah und Hagar, den Frauen Abrahams, sorgt bis heute für Diskussionen, da sie traditionell mit der jüdischen und muslimischen Nachkommenschaft in Verbindung gebracht werden. Rabbiner Dr. Shlomo Tikotchinski interpretiert die Erzählung aus jüdischer Perspektive und kommt zu dem Schluss, dass die Genesis kein eindeutiges Bild zeichnet, in dem Sarah überlegen und Hagar unterlegen ist. Stattdessen zeigt die Geschichte eine Dynamik, in der beide Frauen – und ihre Nachkommen – gleichermassen die Möglichkeit haben, aufzusteigen oder abzusinken.
Ich war erfreut, Dr. Nadire Mustafis schönen Kommentar zu der Botschaft zu lesen, die uns die beiden Frauen Sarah und Hagar über die Aufgaben, die Gott uns stellt und die wichtige Rolle der Frauen in religiösen Traditionen vermitteln. In der jüdischen Literatur gibt es ein endloses Meer an Literatur, Interpretationen und Predigten rund um das Thema Abraham, Sarah und Hagar. Der Dialog zwischen Judentum und Islam ist notwendig und historisch: er dauert bereits seit 1300 Jahren an. Im Mittelalter gab es einen lebendigen theologischen und philosophischen Dialog zwischen jüdischen und muslimischen Gelehrten. Ich wünschte, wir würden zu dieser Realität zurückfinden. Dieser Artikel soll einen Beitrag zu diesem Dialog leisten und stellt einen Kommentar aus einer jüdischen Perspektive auf den Artikel von Dr. Nadire Mustafi dar.
Als Vorbemerkung möchte ich sagen, dass wir als Menschen in einer psychologischen Falle sitzen. Wir denken und handeln im Rahmen des menschlichen Bewusstseins und unter dem Einfluss eines gemeinsamen menschlichen Gedächtnisses, wir haben keine andere Wahl. Aber wer sich etwas umsieht, erkennt, dass die Vergangenheit verschwunden ist und ihre gesamte Existenz nur noch in unserem gegenwärtigen Bewusstsein besteht. Die Bedeutung der Vergangenheit entsteht allein durch das, was die Menschen ihr in der Gegenwart zuschreiben. Dies geschieht in der Regel aus einem offenen oder verborgenen Interesse heraus, um etwas, das in der Gegenwart passiert, zu bestätigen oder zu rechtfertigen.
Die Bedeutung der Vergangenheit entsteht allein durch das, was die Menschen ihr in der Gegenwart zuschreiben.
In jeder Religion und jeder Kultur nehmen die Figuren der Vergangenheit je nach «Zeitgeist» jeder Generation einen anderen Charakter und eine andere Bedeutung an. Ich persönlich mag keine eindeutigen Aussagen über Figuren aus der Tora, obwohl unsere Tora-Kommentatoren dies in jeder Generation auch tun. Und ich mag schon gar keine Kommentare, die ihnen die «modischen» Botschaften der gegenwärtigen Generation zuschreiben oder in ihnen Archetypen religiöser Beziehungen der heutigen Zeit sehen wollen. Daher werde ich in den folgenden Ausführungen nur einige wenige Punkte aus der biblischen Geschichte und der traditionellen jüdischen Interpretation vorstellen, die mir dennoch wichtig erscheinen. Dies zum Zweck des Lernens und der Entwicklung von Themen für das Weiterdenken.
Ismael und der Islam – eine «neue» Idee?
Zunächst lohnt es sich, die einfache historische Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass die alttestamentliche Version der Geschichte von Abraham und Hagar und Ismael mindestens 1000 Jahre vor der Entstehung des Islams auf den Tisch der Menschheit gelegt wurde. Diese Meinung wird sogar von kritischsten Bibelgelehrten vertreten. Dabei geht es nicht um Priorität, sondern um die unbestrittene chronologische Abfolge. Als Historiker weiss ich auch, dass die im 7. Jahrhundert d. Z. (= der Zeitrechnung) aufgetauchte Verbindung zwischen Ismael und dem Islam im Laufe der Jahre immer wieder umstritten war, selbst unter muslimischen Theolog:innen. Bis heute gibt es im Islam Strömungen, die diese Verbindung nicht akzeptieren. Der Qur’an erwähnt die Geschichte der Opferung, aber ohne den Namen des geopferten Sohnes zu nennen. Auch Hagar selbst wird im Koran nicht erwähnt und die Geschichte von der Vertreibung in die Wüste erscheint nur in der späten «Tafsirischen» Literatur.
Die Verbindung zwischen Ismael und Islam findet sich auch bei traditionellen jüdischen Kommentatoren.
Die Verbindung zwischen Ismael und Islam, die von islamischen Kommentatoren hergestellt wird, findet sich auch bei traditionellen jüdischen Kommentatoren. Allerdings wird dort Ismael oft als der «Sohn der Sklavin» dargestellt, der keinen Anteil am spirituellen Erbe Avrahams hat. Gleichzeitig gibt es jedoch viele jüdische Interpretationen, die Ismael in einem positiven und mitfühlenden Licht betrachten. Es ist wichtig, diesen Aspekt zu betonen. Diese Traditionen trennen den biblischen Ismael, Avraham’s Sohn, der in einem positiven Licht erscheint, von dem späteren Symbol Ismaels, das mit dem Islam in Verbindung gebracht wird.
Die Geschichte nach der Genesis
Gemäss 1. Mose 16 und 21 ist der Schauplatz der Avraham-Sara-Hagar-Ismael-Geschichte der Negev, die südliche Region von Israel mit der Wüste gegen Ägypten hin. Ich kenne diese Gegend gut, da ich dort geboren wurde, aufgewachsen und viele Male dorthin gereist bin.
Hagar kam aus Ägypten, um Abraham und Sara als Magd zu dienen. Nach dem Brauch der damaligen Welt bietet die kinderlose Sara Avraham die Möglichkeit, einen Sohn mit der fremden Magd zu zeugen. Als sie schwanger wird, blickt sie überheblich auf ihre Herrin und verachtet sie, und Sara verbannt Hagar in die Wüste. Dort erscheint der Magd der Engel und fordert sie auf, zu ihrer HERRIN zurückzukehren. Im Gegenzug verspricht er ihr, dass ihr Sohn erwachsen wird und viele Nachkommen haben werde. Gleichzeitig verkündet er auch den Namen des zukünftigen Sohnes: Ismael.
Im Gegenzug verspricht er ihr, dass ihr Sohn erwachsen wird und viele Nachkommen haben werde.
Nachdem Sarah im Alter von neunzig Jahren Isaak zur Welt bringt, ist Ismael bereits 13 Jahre alt. Die beiden Frauen geraten erneut in Streit. Sarah bittet Abraham, die Dienstmagd und ihren Sohn zu vertreiben. Abraham zögert, aber Gott sagt ihm: «Nicht sei es arg in deinen Augen um den Knaben und um deine Sklavin, in allem, was Sara zu dir spricht, höre auf ihre Stimme, denn in Isaak wird dir Same berufen (1. Mose 21,12). Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volke machen, weil er dein Sam ist» (1. Mose 21,13).
Abraham nimmt Brot und einen Krug Wasser, gibt dies Hagar und Ismael und treibt sie in die Wüste. In der Einöde geht das Wasser zur Neige, der Knabe ist durstig, der Engel erscheint ihr erneut und zeigt ihr einen Brunnen. Dort verspricht er ihr auch, dass aus diesem Sohn ein ganzes Volk erwachsen werde. Seine ägyptische Mutter nimmt für ihn eine Frau, die ebenfalls aus Ägypten stammt, und Ismael lebt sein Leben in der Wüste. Soweit die Geschichte in Kürze. Damit ist klar, dass das alte Buch Genesis weder Mekka noch die Kaaba kennt.
Hat Sara richtig gehandelt?
Hat Sara richtig gehandelt, als sie Abraham bat, Hagar zu vertreiben? Einige Kommentatoren sagen, dass sie mit ihrem Verhalten falsch lag. Die Tora verbirgt nicht das Versagen von grossen Menschen wie Abraham, Sarah, Jakob, Moses, Aaron, David und vielen anderen. Sie möchte uns lehren, dass der Mensch Schwächen hat. Auch wenn der- oder diejenige eine wichtige Person und selbst eine Prophetin oder ein Prophet ist: die Verantwortung liegt immer bei ihm oder ihr. Die Tora erzählt von den Spannungen in Abrahams Haus zwischen ihm und seiner ersten Frau, zwischen ihm und seiner zweiten Frau, zwischen den beiden Frauen und zwischen den beiden Söhnen Jitzchak und Ismael.

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Der Konflikt zwischen Sara und Hagar – «nur» ein Erbstreit?
Tatsächlich ist gemäss dem Buch Genesis Sara die Herrin und Hagar die Sklavin. Und es kam zu einem Streit zwischen ihnen, bei dem es nicht nur um gegenseitige Eifersucht ging, sondern um eine Auseinandersetzung darüber, wem Abrahams physisches und spirituelles Erbe zuteil würde.
Es kam zu einem Streit zwischen ihnen, bei dem es nicht nur um gegenseitige Eifersucht ging.
Laut Tora ist Isaak der erste Erbe und mit ihm schliesst Gott einen Bund. Ismael ist der zweite Erbe. Gott erhört seine Gebete und segnet ihn, aber es gibt keinen «Bund» zwischen ihnen. Abraham liebt auch seinen Sohn Ismael sehr und bittet Gott, dass dieser «vor ihm leben werde» (Genesis 17, Vers 18). Gott antwortete ihm: «Und bezüglich Ismael – ich habe dich gehört», deine Bitte habe ich gehört genauso wie ich Ismaels Gebete in der Wüste gehört habe. Ich werde ihm viele Stämme und Nachkommen gewähren, aber einen «Bund» schliesse ich nur mit Isaak und seinen Nachkommen.» (Ebd. Verse 19,20) Soweit die Version des Buches Genesis. Weist das Buch auf eine Verbindung zwischen Ismael und dem Islam hin? Nein. Aber die Kommentatoren schreiben viel darüber.
Ismaels Rolle in Abrahams Erbe
Darüber hinaus gibt es jüdische Kommentatoren, die Ismael in das spirituelle Erbe von Abraham einbeziehen. Einer von ihnen ist Rabbi Avraham, der Sohn von Maimonides, des berühmtesten jüdischen Philosophen und Kommentators des Mittelalters. Er erklärt, dass das Auftreten des Islams im siebten Jahrhundert die Erfüllung der Verheissung des Engels sei, der die Auswanderung ankündigte. Es sei auch die Erfüllung der Verheissung Gottes an Abraham «und zu Ismael – ich habe euch gehört.»
Muslim:innen erfüllen somit eine göttliche Mission
Diese Prophezeiung wurde nur erfüllt, weil Gott, als er zu Abraham sprach, bereits wusste, dass die Israeliten in der Zukunft sündigen würden. Aus diesem Grund wurden die Nachkommen Ismaels mit der spirituellen Aufgabe betraut, den Monotheismus zu verbreiten. Muslim:innen erfüllen somit eine göttliche Mission, und die Ausbreitung des Islams in grossen Teilen der Welt ist eine Manifestation des göttlichen Willens. Diese Mission, den Glauben an den einen Gott zu verbreiten, konnte das Volk Israel aufgrund seiner geistigen Schwäche zu jener Zeit nicht erfüllen.
Die Rolle der Namen in der Geschichte
Wer die biblische Geschichte in der Originalsprache liest, dem offenbart sich ein wichtiger Aspekt: Die Namen der Charaktere sind wesentlich und bedeutsam. Die Bedeutung der Wörter ergibt sich aus ihrem etymologischen Ursprung im alten Hebräisch, aus der grammatikalischen Wurzel und dem Sinn, der diese Wurzel begleitet. Gott ist darin verwickelt: Er oder sein Engelsbote gibt einen Namen, manchmal ändert Er einen Namen und manchmal nur einen Buchstaben, um eine andere Bedeutung und eine andere historische Rolle für die Gestalt zu schaffen, die den Namen trägt.
Die Namen der Charaktere sind wesentlich und bedeutsam.
So zum Beispiel bei Sara geschehen: Ihr Mädchenname war «Sarai». Als sie 90 Jahre alt war, wollte Gott sein Versprechen wahr machen und ihr die Mutterschaft schenken, also musste ER eingreifen und ihren Namen ändern. Er fügt ihr den Buchstabe ה anstelle des Buchstabe י hinzu, und das kündigt an, dass sich ihr Schicksal ändert und sie von nun an schwanger werden kann (Genesis 17, Verse 15,16). «Sarah» bedeutet auf Hebräisch «herrschend», was sie nun zur Herrin in ihrem eigenen Haus erklärt.
Die Veränderung der Geschichte durch Namen
Die Figuren in diesem biblischen Spiel der Genesis sind vor allem repräsentative Charaktere, deren symbolische Rolle aus der Bedeutung ihres Namens im Hebräischen hervorgeht. Der Name bestimmt die Rolle jedes Charakters in der Geschichte. Wenn sich der Name ändert, ändert sich auch die Rolle des Charakters. Das ist meiner Meinung nach eine wichtige Botschaft. Auch wenn es sich um historische Figuren handelt, interessiert sich die Tora für sie als symbolische Archetypen, die eine Botschaft tragen. Die Botschaft ändert sich entsprechend den Veränderungen, die Gott in ihrem hebräischen Namen vornimmt. Vielleicht lässt diese Tatsache Raum für Figuren mit ähnlichem phonetischem Klang, aber ohne die hebräische Etymologie. Das heisst, sie schreiben andere Geschichten mit einer anderen historischen Rolle, um ein anderes religiöses Erbe als das der Bibel zu etablieren.
Eine weitere Interpretation
Ein weiteres Beispiel für eine nicht-hebräische Interpretation, die eine andere Symbolik für die biblischen Charaktere bestimmt, ist Paulus‘ Interpretation der Geschichte von Sara und Hagar. Ich behaupte nicht, dass ich die Schriften des Paulus beherrsche, aber auch in seiner Interpretation ist Sarah die Herrin und Hagar unzweideutig Sklavin, mehr noch als in der jüdischen Interpretation. Nach Paulus sind die «Söhne der Herrin» die Gläubigen der Kirche, die geistige Nachkommen des Bundes Gottes mit Abraham und Isaak. Im Gegensatz dazu fällt jeder, der nicht an die Kirche glaubt, in die Kategorie «Söhne der Hausdame» als geistiger Nachkomme von Hagar. Wir sollten beachten, dass nach Paulus Juden und Muslime auf der gleichen Seite der Gleichung stehen. Aus jüdischer Sicht ist dies eine allegorische Interpretation, welche die expliziten etymologischen Implikationen der Tora in Bezug auf die Rollen der Charaktere ignoriert. Während bei den Juden eine Vielzahl von Interpretationen für die Geschichte von Abraham und Hagar und Ismael besteht, ist bei Paulus die Botschaft einseitig.
Eine Geschichte ohne einheitliches Bild
Wie ich zu Beginn dieses Artikels schrieb, diskutieren wir hier nicht die Frage der «Legitimität» der einen oder anderen Interpretation. Sarah und Hagar tauschen auch ihre Rollen in der jüdischen Tradition der Predigten aus. Im Mittelalter gab es in islamischen Ländern zusätzliche Erzählungen über Abraham und Sarah, Hagar und Ismael, die dem muslimischen Erbe sehr ähnlich sind. In diesem sehr breiten Forschungsthema hat auch der berühmte jüdische Aufsatz «Die Stücke von Rabbi Elizer» dieses Thema behandelt und liefert somit Gedanken zur Thematik bereits aus dem 8. Jahrhundert.
Eine Möglichkeit des Ab-, oder Aufstiegs gibt es bei den künftigen Nachkommen und das hängt einzig und allein von ihnen ab.
Meiner Meinung nach stellt die Geschichte des Buches Genesis kein eindeutig polarisiertes Bild dar, in dem Sarah als überlegen und Hagar als minderwertig dargestellt wird – sondern vielmehr ein Bild, das eher einer Schaukelbewegung ähnelt, in der die Möglichkeit, nach oben oder nach unten zu steigen, bei beiden Frauen besteht. Auf jeden Fall gibt es eine solche Möglichkeit auch bei ihren künftigen Nachkommen und das hängt einzig und allein von ihnen ab.
